Samstag || 12. Dezember 2020 || 20.00 Uhr

Biedermann und die Brandstifter

Ein Lehrstück ohne Lehre
von Max Frisch

Dauer der Vorstellung: 1 Stunde 45 Minuten ohne Pause

Besetzung

Michael Gerlinger (Biedermann),
Andrea Seitz (Babette Biedermann),
Reiner Gabriel (Schmitz),
Peter Wagner (Eisenring),
Erika Mosonyi (Anna),
Maximilian Hintz (Polizist / Dr. Phil).
Regie: Michael Neuwirth
Ausstattung: Janet Kirsten
Regieassistenz: Yannik Mersch

 

Inhalt

Brandstiftungen häufen sich im Ort. Der Haarwasserfabrikant Gottlieb Biedermann liest davon in der Zeitung und echauffiert sich über die Täter. Die Vorgehensweise der Brandstifter ähnelt sich stets: Getarnt als harmlose Hausierer schleichen sie sich in die Dachböden der Häuser, um diese von dort aus anzuzünden.
Prompt klingelt es an der Haustür und ein Herr Schmitz bittet um Einlass und Obdach, er appelliert an Biedermanns Menschlichkeit. Biedermann lässt Schmitz auf dem Dachboden nächtigen. Am nächsten Tag steht der zweite Hausierer vor der Tür. Biedermann lässt auch diesen bei sich wohnen.
Trotz eigener Zweifel, als schließlich sogar Benzinfässer auf den Boden gebracht werden, ist Biedermann unfähig, den Besuch abzuschütteln. Er lädt sie zum Abendessen ein und steckt ihnen sogar als Zeichen seines Vertrauens Streichhölzer zu.
In der Nacht geht Biedermanns Haus in Flammen auf.

Gedanken zum Stück

„Der Einakter zeigt das allmähliche Eindringen der Anarchie in den scheinbar wohlgesicherten Bereich des Bürgertums. Parabelhaft wird das Versagen feigen konformistischen Denkens gegenüber der Realität des Bösen demonstriert.“ Vgl. Kindlers Literatur Lexikon München 1986, Band 3, S. 1510

Das von Max Frisch selbst als „Lehrstück ohne Lehre“ bezeichnete Stück schildert, wie der Bürger Gottlieb Biedermann Brandstifter in sein Haus einlädt, um von ihnen verschont zu werden. Seine Blindheit, sein bewusstes Wegsehen gegenüber der sich zusammenbrauenden Gefahr hat schwerwiegende Folgen.
„Das sehr einfach gebaute Stück will typische Verhaltensweisen des saturierten Bürgers exemplifizieren. In geschäftlichen Angelegenheiten zeigt sich Biedermann als kalter Rechner. Seinen langjährigen Mitarbeiter Knechtling hat er zum Selbstmord getrieben. Sein Konformismus lässt es ihm geraten scheinen, sich lärmend mit den Verbrechern zu verbrüdern, um sie nicht zu vergrämen. Er selbst bietet ihnen die Streichhölzer an, und noch im Augenblick des Feuers, das aus den benachbarten Häusern schlägt, tröstet er sich mit der Hoffnung, dass es nicht wahr sei. „Blinder als blind ist der Ängstliche,/ Zitternd vor Hoffnung, es sei nicht das Böse / Freundlich empfängt er’s / Wehrlos, ach, müde der Angst, / Hoffend das Beste … / Bis es zu spät ist.“ In antiken Versmaßen kommentiert ein Chor von Feuerwehrleuten parodierend pathetisch die Entwicklung der Dinge; er warnt, verhält sich aber genauso passiv wie der Bürger, den das Klischeedenken des Saturierten hindert, sich ein Bild vom realen Bösen und seiner Nähe zu machen.“ Vgl. Kindlers Literatur Lexikon München 1986, Band 3, S. 1510
„Die gradlinige Handlung ohne retardierendes Moment ist im Grunde untheatralisch. Sie gewinnt jedoch Bühnenwirksamkeit durch den schwarzen Humor des Dialogs, durch Raumwechsel auf der Bühne und durch die Spannung, mit der Frisch das Publikum - vergeblich – auf eine Wende hoffen lässt.“ Vgl. Kindlers Literatur Lexikon München 1986, Band 3, S. 1510f.

Diese Fabel wurde in verschiedene Richtungen interpretiert. Sie wurde sowohl als Warnung vor dem Kommunismus als auch vor dem Faschismus gelesen.

Der derzeit international erstarkende Nationalismus und die unverhohlen fremdenfeindlich und populistisch agierende Rhetorik rechter Kräfte zeigen, dass das Stück bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat.

Pressestimmen

Märkische Allgemeine Zeitung vom 05. April 2019
"[Die Zuschauer] sitzen [...] quasi mitten in der Wohnstube von Gottlieb und Babette Biedermann. [...] Die Brandstifter Reiner Gabriel und Jörg Vogel kosten ihre Macht und ihre Abgründigkeit mit dämonischer Spielfreude aus. Michael Gerlinger und Andrea Seitz geben ein Ehepaar, mit dem sich der Zuschauer sofort identifizieren kann. [...] Was tun, wenn böse Kräfte zusehends erstarken? Es nicht wahrhaben wollen und verdrängen sind übliche Strategien. Das Unheil nimmt also vor den Augen aller seinen Lauf."

Potsdamer Neueste Nachrichten vom 06. April 2019
"Die Verwandlung des ehemaligen Gotteshauses in einen Theaterraum ist gelungen. Und die jetzt sogenannte Zimmerbühne in der Zimmerstraße 12b scheint räumlich geradezu prädestiniert für Max Frischs Drama „Biedermann und die Brandstifter“.[...] Das überaus spielfreudige Ensemble [...] haucht den farceartigen Wohnzimmer- und Dachbodenszenen jede Menge komödiantisches Leben ein. [...] Es bereitet Vergnügen, den Darstellern dabei zuzusehen, wie sie sich als Biedermänner und -frauen ungemein opportunistisch winden, um dann doch den direkt-subtilen Einflüsterungen der Brandstifter und ihrer Körperkraft zu erliegen."