Freitag || 23. Oktober 2020 || 20.00 Uhr

Aris-Quartett

Haydn Streichquartett D-Dur op. 20/4
Schostakowitsch Streichquartett Nr.8, c-moll op. 110
Beethoven Streichquartett ES-Dur op. 127

Anna katharina Wildermuth - Violine
Noëmi Zipperling - Violine
Caspar Vinzens - viola
Lukas Sieber - Violoncello

Programm

Josef Haydn --- Streichquartett D-Dur op. 20/4
(1732-1809) Allegro di molto – Un poco adagio e affettuoso -
Menuetto alla zingarese – Allegretto -
Presto e scherzando

D. Schostakowitsch --- Streichquartett Nr. 8, c-moll op. 110
(1906-1975) Largo - Allegro molto – Allegretto-Scherzo -
Largo - Largo

Ludwig van Beethoven --- Streichquartett Es-Dur op. 127
(1770-1827) Maestoso/Allegro – Adagio, ma non troppo e molto
cantabile – Scherzando vivace – Finale

Zu den jungen Himmelsstürmern im Konzertgeschehen zählt fraglos das Aris Quartett.
2009 in Frankfurt am Main gegründet, spielen sich die Musiker weltweit auf die großen Bühnen: die Elbphilharmonie Hamburg, die Wigmore Hall London, die Philharmonie Paris, der Musikverein Wien, das Concert gebouw Amsterdam, die BBC Proms oder die San Francisco Chamber Music Society präsentieren das Aris Quartett in den kommenden Spielzeiten.
Bereits im Jugendalter werden die vier Musiker auf Initiative des Kammermusik-Professors Hubert Buchberger zusammengebracht – was als ein Experiment an der Frankfurter Musikhochschule beginnt, erweist sich rasch als Glücksfall. Zur prägnanten Namensgebung kommt es spontan: ARIS sind die vier Endbuchstaben der Vornamen der vier Musiker.

Nach Studien bei Günter Pichler (Alban Berg Quartett) in Madrid gelingt der internationale Durchbruch schon früh durch zahlreiche 1. Preise bei renommierten Musikwettbewerben. Großes Aufsehen erregt das Aris Quartett mit der Verleihung des hoch dotierten Kammermusikpreises der Jürgen-Ponto Stiftung sowie gleich fünf Preisen beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD in München. Mit der Ernennung zu „New Generation Artists“ der BBC, zu „ECHO Rising Stars“ der European Concert Hall Organisation sowie dem Erhalt des„Borletti-Buitoni Trust Awards“erhält das Aris Quartett darüber hinaus einige der international bedeutendsten Auszeichnungen für junge Musiker.

Inzwischen liegen schon vier vielbeachtete CD-Produktionen vor, zuletzt erschien im Herbst 2018 in Kooperation mit Deutschlandfunk die Einspielung von Schuberts 'Der Tod und das Mädchen' und Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8. Dieser Aufnahme wird in der Fachpresse Referenzcharakter zugesprochen.
Das nächste Album mit Werken von Johannes Brahms wird im Herbst2020 in Kooperation mit Deutschlandfunk und BBC Radio 3veröffentlicht.
Das Aris Quartett wird von der Anna Ruths Stiftung, der Wilfried und Martha Ensinger Stiftung,sowie der Irene Steels-Wilsing Stiftung gefördert.
Quelle: https://www.arisquartett.de/

Zu den Werken

Joseph Haydn --- Streichquartett D-Dur op. 20/4
Der erste Satz des D-Dur-Quartetts ist ein Muster an thematischer Ökonomie, in dem die „geheimnisvoll anklopfenden“ Töne des Hauptthemas, wie sie Georg Feder nannte, immer wieder von Neuem ansetzen und melodisch anders fortgeführt werden. Alle diese unterschiedlichen Phrasen bestehen aber aus sechs Takten und runden sich zur asymmetrisch-symmetrischen Einheit. Kräftige Triolen bilden das Gegengewicht in diesem subtilen Spiel mit der unregelmäßigen Periode.
Zur Heiterkeit des Kopfsatzes kontrastieren die Variationen des zweiten Satzes durch ihr ernstes d-Moll-Thema. Es wird im vierstimmigen Satz affettuoso, also affektvoll vorgetragen und nach drei Variationen in einen träumerisch-verhangenen Sotto-Voce-Klang getaucht.
Das Menuett reißt diesen melancholischen Schleier rasch wieder ab. Was seine Überschrift Alla zingarese an Zigeunerischem erwarten lässt, löst es durch hartnäckig verschobenen Rhythmus ein: Erste Geige und Cello musizieren eigentlich im Zweier- statt im Dreiertakt und spielen noch dazu um ein Viertel gegeneinander verschoben. Ein Musiktheoretiker sah darin ein klassisches Beispiel für imbroglio, musikalisches Verwirrspiel. Das Trio enthält ein kräftiges, ungarisch-tänzerisches Cellosolo. Mit Effekten aus der Zigeunermusik ist auch das Finale gespickt, das seinem scherzenden Tonfall (Presto e Scherzando) keine Pointe schuldig bleibt.

D. D. Schostakowitsch --- Streichquartett Nr. 8 c-moll op. 110
Dmitri Schostakowitsch versah das achte Streichquartett mit der Widmung „Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges“. Man hat diesen offiziellen Wortlaut, der im Manuskript noch nicht auftaucht, also erst nachträglich hinzugefügt wurde, häufig mit Schostakowitschs Eindrücken von der zerstörten Stadt Dresden im Jahr 1960 in Verbindung gebracht. Heute wissen wir, dass das Werk – bei aller Sympathie Schostakowitschs für Dresden und seine tragische Geschichte – einen wesentlich persönlicheren Hintergrund hat.
Kurz vor Antritt seiner Reise nach Dresden war Schostakowitsch auf äußeren Druck in die KPdSU eingetreten, da man ihn zum Vorsitzenden des Komponistenverbandes der Russischen Republik ernennen wollte. Er selber hat dies als schwere moralische Niederlage empfunden, die einen Nervenzusammenbruch und Selbstmordgedanken zur Folge hatte. Vor diesem Hintergrund komponierte er in Gohrisch anstelle der geplanten Filmmusik zu „Fünf Tage – fünf Nächte“ ein äußerst tragisches, persönlich gehaltenes Werk, das er – wie aus einem erst viele Jahre nach seinem Tod veröffentlichten Brief an Isaak Glikman vom 19. Juli 1960 hervorgeht – als ein „Requiem“ für sich selbst verstand:
Den autobiographischen Charakter unterstrich Schostakowitsch – wie in anderen Werken auch – durch die Verwendung der Tonfolge d-s-c-h (der musikalischen Entsprechung seiner Initialen D. Sch.), die das Werk bedeutungsvoll eröffnet. Außerdem finden sich in allen Sätzen Zitate eigener wie auch fremder Kompositionen. Bezeichnend ist die zyklische Anlage des gut 20-minütigen Werkes, dessen fünf Sätze nahtlos ineinander übergehen: Sie führen von einem eröffnenden Largo über zwei schnelle Sätze – einem aggressiven Allegro molto und einem hintersinnigen Allegretto-Scherzo – mit zwei Largo-Sätzen zur düsteren Ausgangsstimmung zurück.
Das achte Streichquartett wurde am 12. Oktober 1960 in Leningrad durch das Beethoven-Quartett, Schostakowitschs bevorzugte Quartett-Formation, uraufgeführt. Es ist heute das meistgespielte Quartett des Komponisten und gilt als sein persönlichstes Musikdokument.

Ludwig van Beethoven --- Streichquartett Nr. 12, Es-Dur, op. 127
Am 9. November 1822 richtete Fürst Nikolaus Galitzin an Beethoven die Bitte, für ihn «un, deux ou trois nouveaux Quatuors» zu schreiben. Die Anfrage kam Beethoven, der durchaus nicht immer für Auftragswerke zu gewinnen war, nicht ungelegen. Bereits am 5. Juni 1822 hatte er nämlich dem Verlag Peters ein Quartett in Aussicht gestellt; es war das spätere op. 127. Doch widerrief er das Angebot, da mir etwas anderes dazwischen gekommen. Das «andere» waren die Missa solemnis und die 9. Sinfonie. Im Februar 1824 nahm er die Arbeit am Quartett wieder auf und schloss es im Februar 1825 ab. Es wurde am 6. März 1825 erstmals aufgeführt. Noch während dieser Arbeit, wohl im Herbst 1824, konzipierte Beethoven zwei weitere Quartette, op. 132 und op. 130. Während diese beiden Quartette zusammen mit op. 131 durch ein Viertonmotiv als Keimzelle verknüpft sind, stehen op. 127 und op. 135 für sich. Im Gegensatz zur Dreiergruppe sind beide Quartette leichter fasslich, halten sich auch an die gewohnte Viersätzigkeit. Das op. 127 ist gar ein Werk von weitgehend lyrischem Charakter. Schon der erste Satz beginnt nach sechs Maestoso-Takten teneramente mit einem lang ausgesponnenen, klar gegliederten Thema in Form einer lyrischen Melodie; es beruht allerdings auf einem einzigen schlichten, sequenzartig wiederholten Motiv. Trotz dem g-moll des Seitensatzes und der mehrfachen Wiederaufnahme des Maestoso-Teils wirkt der Satz wie eine Idylle. An zweiter Stelle steht eine Variationenreihe über ein weitgespanntes, rhythmisch einheitliches, kanonartig einsetzendes Thema. Der Charakter wechselt zwischen Unruhe, Munterkeit und Ekstase ab. Das in der üblichen Dreiteiligkeit gehaltene Scherzo ist geprägt von nervöser Unrast; kontrapunktische Arbeit in geflüstertem Piano hat gespenstische Züge. Das Trio wird – fern jeder Behaglichkeit – von fahrigen Violinpassagen und stampfenden Tänzen bestimmt. Der Satz könnte gut als weitere Variationenfolge zum 2. Satz gehören. Das Finale greift auf die Idylle des Kopfsatzes zurück, wirkt volkstümlich, manchmal fast derb, bevor es in der Coda, deren richtiger Charakter wohl eher comodo als con moto ist, in lyrischer Expressivität schliesst.
Quelle: Werk-Details, Hrsg.: Gesellschaft für Kammermusik Basel 2020

Fotos:  © Simona Bednarek © Michael Reh